Streetart im Knast

Kunst im Bau

Streetart 17 Künstler gestalteten das Gefängnis Lenzburg um – jetzt erscheint dazu ein Bildband




Sprayer gingen fürs Sprühen schon öfters in den Knast. Neu ist, dass sie Farbdosen mitnehmen dürfen. «Der eine oder andere Künstler hat schon leer geschluckt, als er den Knast betrat», sagt Marc «Malik» Furer, und schaut seinen Kollegen Claude Lüthi an. Sie sind die Initianten eines einzigartigen Kunstprojekts. Streetart in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Das ist etwa wie eine Pirelli-Kalender-Vernissage im Kloster-Einsiedeln. Dazu gleich mehr.

4661m² heisst das Projekt. Die Zahl bezieht sich auf die Fläche im Zentralgefängnis, welche «Malik» Furer, Lüthi und 15 weitere Streetart-Künstler gestaltet haben. Es ist ein Projekt der Superlative. Über 1000 Spraydosen benötigten die Künstler für eine Fläche so gross wie ein Fussballfeld. 4661m² ist einerseits eine der ungewöhnlichsten Kunstaktionen, die es in der Schweiz je gab. Und andererseits wohl auch das grösste Streetart-Projekt der Schweiz.

Kunst im Gefängnis. Das klingt politisch. Doch Politik spielte bei dem Projekt keine Rolle – zumindest nicht bei den Künstlern und zumindest nicht zu Beginn des Projekts. «Malik» Furer suchte einfach eine Wand... Beim Einschlafen habe er sich gefragt, wo es «richtig grosse Wände» gebe. Plötzlich war klar: «In einem Gefängnis.» Mit dem Direktor der Justizvollzugsanstalt, Marcel Ruf, traf Malik auf einen Ansprechpartner, dem die «grossen Wände» in Lenzburg den Arbeitsplatz einzäunen. Und dem der nackte Beton missfiel. Aus Spargründen hatte die JVA Lenzburg beim Neubau des Zentralgefängnisses 2011 auf Kunst am Bau verzichten. Die Konsequenzen: eine Betonwüste. Grau in Grau. Das Projekt 4661m² stellte für Direktor Ruf deshalb eine «Win-Win»-Situation dar, wie er im Nachwort des Buches «4661m² – art in prison» schreibt. Die Künstler suchten nackten Beton, er wollte ihn loswerden. Für Ruf ging es dabei nicht in allererster Linie um das Gefangenenwohl. «Für mich sollten vor allem die Mitarbeitenden von der Umsetzung der Idee profitieren», so Ruf. Klar war allerdings auch, dass für die Kunst am Bau kein Steuerrappen fliessen durfte. Und das wiederum hat politische Gründe. Also übernahm eine Stiftung die Materialkosten. Die Künstler arbeiteten unentgeltlich.

Wie Fenster in eine andere Welt 

Heute, drei Jahre und 1368 Arbeitsstunden später, grasen Kühe an den Wänden der Spazierhöfe, Frösche mit Propellerrucksäcken fliegen die Aussenmauern hoch. Die Schweizer Streetart-Szene zeigt sich in ihrer ganzen Vielfalt – im Knast. Von abstrakten Formsprachen bis hin zu fotorealistischen Darstellungen. Die Künstler gestalteten Gänge im Zellentrakt, Treppenhäuser, Höfe für den Freigang, Gefängnismauern. Bilder auf Beton, die für Gefangene und Angestellte zu Fenstern in eine andere, eine buntere, fröhlichere Welt wurden.

Die Wahl der Sujets sei sehr schwierig gewesen, sagt «Malik» Furer. Sie seien von der Leitfrage ausgegangen: «Was fehlt hier drin? Farbe und Natur», sagt Malik. Spätestens mit dieser Frage, hat das Projekt 4661m² eine philosophische Dimension bekommen, die weit über die simple Suche nach nackten Flächen hinausgeht. Furer sagt, das Projekt habe ihn verändert: «Wenn du einmal so viel Zeit in einem Gefängnis verbracht hast, dann kannst du über Ausdrücke wie ‹Kuscheljustiz› nur noch den Kopf schütteln.»

Gefängnis und Strassenkunst sind ein schräges Paar. Streetart entstammt der Graffiti-Kultur. Und diese hat so manchen Sprayer – auch in der Schweiz – ins Gefängnis oder zumindest in U-Haft geführt. Heute ist Streetart so etwas wie der gut erzogene Bruder des Graffiti. Meist legal, oft figürlicher und deshalb verständlicher.

Schräg war es für die Gefangenen auch, dass da plötzlich Menschen freiwillig zu ihnen kamen. Ein Bruch im monotonen Alltag, auf den die Gefangenen sehr unterschiedlich reagierten. Die Arbeitsatmosphäre sei sehr speziell gewesen: «Es war teilweise schwierig, sich dabei auf die Arbeit zu konzentrieren» sagt Claude Lüthi. Kein Mensch im Blickfeld, dafür eine teils bizarre Geräuschkulisse aus den Zellen.

Und trotzdem. Streetart hat es gerade in der Schweiz schwer, ernst genommen zu werden. «Es wird Zeit, dass Streetart auch in der Schweiz als Kunst wahrgenommen und eingesetzt wird. Dazu trägt dieses Projekt hoffentlich bei», sagt Malik.

 Für viele endet die Karriere im Knast. Gut möglich, dass sie für Streetart in der Schweiz im Bau beginnt.

4661m2 – Art in Prison. Hrsg Malik, Claude Lüthi, 192 Seiten Niggli. Vernissage:

24. September im Sphères, Zürich

Quelle: Aargauer Zeitung

 

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