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Nachdem alles aus dem Ruder lief

Nachdem alles aus dem Ruder lief

Gefängnisseelsorge / Mark Schwyter ist seit anfang Jahr Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Der reformierte Pfarrer sucht mit den Insassen nach positiven Inhalten in einer harten Lebensphase.

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Vom Pfarramt über die Männerarbeit zur Gefängnisseelsorge: Mark Schwyter (Foto: Niklaus Spoerri)


Wie beginnen Sie ein Gespräch mit einem neuen Insassen? 

Mark Schwyter: Ich sage wer ich bin und dass ich mich freue, ihn oder sie kennen zu lernen. Bei Personen in Untersuchungshaft sind die Ereignisse frisch, sie sprechen schnell darüber. Sie haben keine Infos und keinen Kontakt mit der Aussenwelt, wissen nicht, wie es weitergeht. Sie sorgen sich um ihre Frau, ihren Job, haben Schuldgefühle. Es ist eine harte Phase

Mit welchen Themen kommen jene, die länger in Haft sind?
Oft geht es darum, wie man die Zeit aushalten kann. Man fragt sich: Ist das auch ein Leben oder beginnt es erst mit der Entlassung? Viele hatten ein Leben lang Probleme, die Haft macht alles schlimmer. Wie sollen sie einen Sinn darin finden?

Was können Sie ihnen mitgeben?
Es tut ihnen nur schon gut, dass ich mir Zeit für sie nehme. Ich bin nicht Teil des Justizsystems, sondern einfach jemand, der sich für sie interessiert und sie wertschätzt. Ich frage, was sie machen, was sie im Fernsehen sahen, lesen. Viele bekommen nie Besuch. Unter Umständen verursachten sie viel Leid, aber mir gegenüber sind Menschen, die an ihrem Alltag leiden, an ihrer Vergangenheit und Zukunft. Mit ihnen suche ich nach Positivem.

Lässt sich das finden?
Eine Haft ist schwierig, aber es gibt darin Reichtum. Manche spüren, dass sie sich weiterentwickelt haben. Sie freuen sich rauszukommen und die Dinge anders anzupacken. Andere haben endlich Ruhe nach vielen Jahren Stress. Ich treffe immer wieder Menschen, die etwas finden, auch Verwahrte. Im Gefängnis ist es nicht so anders als draussen. Wir haben mehr Möglichkeiten, doch auch viele von uns finden keinen Sinn.

Verstehen Sie die Taten?
Ich verstehe warum sie passiert sind. Es gibt immer Zusammenhänge, die dahin führten. Ich verurteile nicht, denn ich bin für den Insassen da, wie er mir nun gegenübersitzt.

Was berührt Sie am meisten?
Dass etwas aus dem Ruder läuft, obwohl es viele Auswege gegeben hätte. Aber wir kennen es selbst: Wir sind müde, gehen dennoch in die Bar, trinken ein Glas zuviel und steigen beduselt ins Auto. Oder man macht etwas, das man im nüchternen Umstand nie tun würde. Der Mensch ist nicht immer vernünftig und Verkettungen von Ereignissen führen immer wieder zu Dramen. Als Seelsorger ist die Frage zentral: Wie geht man damit um? Hat die Theologie etwas dazu zu sagen?

In welchem Moment bringen Sie den Glauben ins Spiel?
Da ich mich als Mann von der Kirche vorstelle kommen manche selbst darauf zu sprechen oder darauf, dass sie nicht glauben. Bei den meisten frage ich irgendwann, ob wir beten sollen. Mit einigen lese ich Geschichten aus der Bibel, zum Beispiel von Hiob oder Jesus und die Versuchung. Meine Theologie ist: Gott ist in einer Beziehung mit uns, und wir machen zuweilen Dinge, die diese Beziehung zerstören. Wie kommt man wieder in die Beziehung? Das leben ich durch meine Zuwendung zum Insassen.

Warum tauschten Sie das Pfarramt gegen die Gefängnisseelsorge?
Nach 12 Jahren Pfarramt arbeitete ich als Männerbeauftragter der Zürcher Landeskirche. Genderfragen interessiertem mich immer, meine Frau und ich teilen uns die Familien- und Erwerbsarbeit. In der Männerarbeit kam ich mit der Frage in Berühung, warum viel mehr Männer Straftaten begehen als Frauen. Ich begann als  Gefängnisseelsorger zu arbeiten und machte die CAS-Ausbildung.

Warum sind es mehr Männer?
Einerseits aufgrund des Testosterons. Es kann pro-soziales Verhalten fördern aber auch Aggressionen. Stereotype Erwartungen an die Geschlechter spielen ebenfalls mit: Männer müssen einsatz- und risikobereit sein und die Familie ernähren. Hat jemand weder Ausbildung noch Job kann er kriminell werden, um Geld zu beschaffen.

Auch eine unglückliche Kindheit begünstigt kriminelles Verhalten.
Ja, viele erzählen mir, dass ihre Väter abwesend oder kaum präsent waren, oder gewalttätig. Ohne männliches Vorbild ist es für einen jungen Mann schwierig herauszufinden, wer er ist, was ihn zum Mann und Menschen macht. Sein mangelndes Selbstvertrauen wertet er vielleicht mit einem schnellen Auto auf und landet wegen einem Delikt im Gefängnis. Doch nicht der Vater ist schuld, wenn man einen Kiosk überfällt. Die Verantwortung für die Tat trägt jeder selbst.

Spielt das Wissen über die Biografien in Ihre Rolle als Vater hinein?
Es zeigt mir, wie wichtig es ist, immer in Kontakt mit den Kindern zu sein, auch wenn es mal nicht einfach ist. Ein Kind muss spüren, dass es erwünscht ist, auch ohne  Leistungen. Das finde ich schön an der Kindertaufe: Man heisst ein Baby, das noch nichts kann ausser essen und schlafen, mit einem Fest willkommen. Viele Kinder erfahren aber, dass sich niemand für sie interessiert.

Interview: Anouk Holthuizen

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Im Freiheitsentzug wird, wie auch ausserhalb der Mauern, unter verschiedenen Umständen und auf unterschiedliche Art und Weise gestorben. 

 Das Sterben in Freiheit und das Sterben im Vollzug unterscheiden sich aber grundsätzlich. Das Sterben in Unfreiheit ist würdelos. Tritt der Tod nicht unerwartet ein, etwa bei einem schwer kranken Insassen, so ist alles zu veranlassen, damit der Betroffene in Freiheit sterben kann. 

 

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