Seelsorge & Strafvollzug - Zur Praxis heutiger Gefängnisseelsorge.

01. Jul 2019

Es erfüllt uns mit Stolz, Ihnen die zweite Nummer unserer neuen Zeitschrift «Seelsorge und Strafvollzug» vorzulegen. Die Publikation dieser Zeitschrift ist für unseren Fachbereich in keiner Weise eine Selbstverständlichkeit, da die Gefängnisseelsorgenden in der Schweiz mit kleinen Stellenpensen dotiert sind und einen sehr bescheidenen Anteil darstellen im Gegensatz zu den anderen Diensten, die im Justizvollzug wirken und über grössere Ressourcen verfügen.

Die meisten Gefängnisseelsorgenden haben eine andere seelsorgliche Beschäftigung ausserhalb des Gefängnisses. Aus diesem Grunde ist es auch nicht ganz einfach, Fachleute zu finden, die aus einer seelsorglich-theologischen Perspektive Themen im Strafvollzug in einer akademisch redlichen Art und Weise beleuchten. Wir vom Vorstand des Schweizerischen Vereines für Gefängnisseelsorge sind deshalb sehr dankbar, dass sich Vollzeit-Gefängnisseelsorgende wie Pfarrer Dr. des. theol. Frank Stüfen so ins Zeug legen und die Publikation solch interessanter Artikel möglich machen. Ich nutze die Gelegenheit dieser Publikation, um darauf hinzuweisen, dass der Schweizerische Verein für Gefängnisseelsorge dieses Jahr seine Statuten geändert und nun die Mitgliedschaft auch für Gefängnisseelsorgende anderer Religionsgemeinschaften ermöglicht hat. Die religiöse Landschaft in der Schweiz hatsich verändert. Neben landeskirchlich orientierten Menschen nimmt die Zahl dererzu, die keinen solchen Bezug haben, sich einer nichtchristlichen oder gar keiner Religion zugehörig fühlen. Im Strafvollzug ist diese veränderte Situation schon seit langem Realität. Die Gefängnisse sind multireligiöser und multikultureller geworden. Das hat u.a. dazu geführt, dass praktisch alle Gefängnisse auch Imame beiziehen oder anstellen. In der JVA Pöschwies z.B. arbeitet seit dem Sommer 2017 ein vom Amt für Justizvollzug vollzeitlich angestellter Imam, der sein Büro und Gesprächszimmer gleich neben den christlichen Seelsorgenden bezogen hat.

Der Vorstand war der Meinung, dass sich der Verein im Blick auf sein eigenes Selbstverständnis und seine Ausrichtung dieser Entwicklung gegenüber öffnen sollte. So schien der Zeitpunkt günstig, um die Zusammenarbeit mit Seelsorgenden anderer Konfessionen und Religionen auf einer partnerschaftlichen Basis zu vertiefen und verbindlich zu gestalten und so wurden die Statuten nun entsprechend geändert. Um Mitglied des Schweizerischen Vereins für Gefängnisseelsorge zu werden, muss man von der eigenen Religionsgemeinschaft beauftragt und vom Amt für Justizvollzug des jeweiligen Kantons Seelsorge & Strafvollzug Nr. 2/Juli 2019 5 als Gefängnisseelsorgerin oder Gefängnisseelsorger akkreditiert worden sein. Sind diese beide Bedingungen erfüllt, steht heute einer Mitgliedschaft nichts mehr im Wege. Diessoll gezielt, bei aller Unterschiedlichkeit in der Theologie, die interreligiöse Zusammenarbeit fördern.

Zurück zur Zeitschrift: In dieser Ausgabe beleuchtet Eva-Maria Schmidbaur was Barmherzigkeit bedeutet, was hinter diesem Begriff steht und was dies für das Selbstverständnis der Gefängnisseelsorge bedeuten könnte. Der Aufsatz von Antje Stüfen öffnet vermutlich auch für belesene Theologinnen und Theologen eine neue Perspektive auf die alttestamentliche Figur Mose, gerade auch für gefangene Menschen, wie die Autorin so treffend schreibt, die «ihre eigene Lebensgeschichte mit realistischem Blick in der Seelsorgebegegnung entdecken, durcharbeiten und Freiheit ihr gegenüber gewinnen [können].» Der Aufsatz des Gründers dieser Zeitschrift zur Opferthematik regt nicht nur Gefängnisseelsorgende an, die Opfer in ihrer Arbeit mit zu bedenken, sondern motiviert alle im Justizvollzug wirkenden Menschen, den Opferbegriff neu zu definieren.

Im Namen des Schweizerischen Vereines für Gefängnisseelsorge möchte ich danken für diese anregenden Artikel und wünsche viel Spass beim Lesen. Ach ja, und wenn Sie uns mit einer kleinen Spende dabei helfen möchten, diese Arbeit fortzuführen, sind wir Ihnen sehr verbunden!

Alfredo Díez,
Präsident des Schweizerischen Vereins für Gefängnisseelsorge