Man muss Menschenfreund sein - Hugo Albisser

Im Jahresbericht 2018 der Katholischen Synode Solothurn gibt Hugo Albisser einen Einblick in seine Tätigkeit in der Gefängnisseelsorge.

Die Gefängnisseelsorge ist in allen Kantonen im
Straf- und Massnahmenvollzug fest verankert
und leistet einen wichtigen Beitrag zur sozialen
Wiedereingliederung. Hugo Albisser gibt im Interview
einen Einblick in seine Tätigkeit.

Wie ist die Gefängnisseelsorge im Kanton Solothurn strukturiert

Wir sind ein Team von drei Fachpersonen, die sich
diese Aufgabe teilen. Neben mir arbeiten Susann
Müller und Anita Kohler ebenfalls in Teilzeit in der
Gefängnisseelsorge. Das gibt zusammen hundert
Stellenprozente. Basis für unsere Arbeit ist ein Leistungsvertrag
mit dem Kanton, den die Landeskirchen
in ökumenischer Zusammenarbeit umsetzen. Wir arbeiten
in der Justizvollzugsanstalt Solothurn in Deitingen
(JVA) und in den Untersuchungsgefängnissen in
Olten und Solothurn.

Wer sucht den Kontakt mit Ihnen?

Das geht querbeet durch die verschiedensten Bevölkerungsschichten,
Nationen und Straftatbestände. In
der Justizvollzugsanstalt Solothurn sind ausschliesslich
Männer, in den Untersuchungsgefängnissen
suchen auch Frauen den Kontakt mit dem Seelsorgeteam.
In der JVA ist die Situation etwas speziell,
weil die Mehrheit der Insassen im geschlossenen
Massnahmenvollzug ist. Bei diesen Straftätern besteht
ein Zusammenhang zwischen Delikt und einer psychischen
Erkrankung, weshalb eine therapeutische
Massnahme angeordnet worden ist, bis der Insasse
nicht mehr als gefährlich erachtet wird. Begleitungen
können hier mehrere Jahre dauern.

Warum sucht man den seelsorgerischen Kontakt?

Die Menschen im Gefängnis sind oft einfach froh,
wenn sie mit jemandem reden können, wenn ihnen
jemand zuhört, wenn ein entspanntes Gespräch möglich
wird. Sie müssen sich vorstellen, dass der Insasse
im Massnahmenvollzug dauernd beobachtet und kontrolliert
wird. Im seelsorgerischen Gespräch bringen
wir vielleicht etwas «Normalität» in den Alltag dieser
Leute. Oft geht es in diesen Gesprächen um Themen
des Zusammenlebens, um die Auseinandersetzung
mit der Tat oder um die zentrale Frage «wie überlebe
ich in diesem Betrieb?»

Im Untersuchungsgefängnis ist die Situation noch einmal
etwas anders. Hier werden Menschen aus dem
Alltag herausgerissen, sind vollständig isoliert und
haben neben ihrem Anwalt in der ersten Zeit kaum Ansprechpersonen.
Oft tauchen da grosse Ängste auf,
die Leute stehen unter Schock und viele sind dann
froh, wenn sie mit uns eine weitere Ansprechperson
haben.

Wie gefragt sind diese Gespräche?

Wir haben 2018 rund 920 Gespräche geführt, in der
Vorjahresperiode waren es noch 737. Offenbar sind
Gespräche mit spirituellem Hintergrund für Menschen
im Straf- und Massnahmenvollzug wichtig und gefragt.
Wir begegnen dabei vielen Nationen und Religionen;
der Dialog erfolgt manchmal «mit Händen und
Füssen» und ich persönlich habe auch immer eine
Tasche mit Wörterbüchern dabei.

Spielen spirituelle Aspekte immer eine Rolle?

Ein Teil sucht ganz sicher wegen der spirituellen Aspekte
den Kontakt mit uns. Viele holen sich durch
die Spiritualität Kraft zum Überleben im Gefängnis.
Oft sind aber einfach «nur» unsere Kernkompetenzen
ZUHÖREN – NACHFRAGEN – STÄRKEN gefragt. Wir
haben die Selbstverpflichtung, dass wir für alle Gefangenen,
unabhängig von der Religionszugehörigkeit,
ohne Wertung und ohne Urteil zur Verfügung stehen.

Wie können Sie diesen Anspruch umsetzen?

Ich sehe in erster Linie den Menschen, und nicht das
Delikt vor mir.

Wo stossen Sie trotzdem an Ihre Grenzen?

Es sind eher Fragen rund um Gleichbehandlung und
Gerechtigkeit, die mich manchmal stark beschäftigen.
Eigentlich sollten doch in einem Rechtsstaat alle Insassen
gleich «behandelt» werden. Und doch sehe ich
manchmal, dass es halt eine Rolle spielt, woher der
Straftäter kommt und welcher Kanton, welcher Anwalt
und welches Gericht bei der Verurteilung involviert ist.

Was hat sich seit Ihrem ersten Job als Gefängnisseelsorger verändert?

Damals in Zug konnten wir noch aufsuchend arbeiten.
Heute müssen sich die Insassen über eine Terminvereinbarung
aktiv bei uns melden. Fragen rund um die
Sicherheit sind zentraler geworden und ich begegne
vermehrt Straftätern mit psychischen Erkrankungen.

Bringt Sie die Schweigepflicht in Konflikte?

Nein, wir haben regelmässig Supervisionen und
Teamgespräche, wo wir schwierige Situationen anonymisiert
verarbeiten können. Die Schweigepflicht in
unserem Beruf ist auf Bundesebene geregelt. Wenn
sich wirklich etwas Menschengefährdendes abzeichnet,
dann gibt es klar definierte Wege zur Entbindung
von der Schweigepflicht.

Wie erholen Sie sich?

Handwerkliche Tätigkeiten, Singen und Bergsport sind
für mich ideale «Abschalter». Auf meinen Bergtouren
spüre ich immer wieder, wie ab rund 2500 Höhenmetern
die karge Landschaft und die Ruhe stark auf
mich einwirken. – Als katholischer Theologe müsste
ich jetzt wohl sagen, dass ich dort oben Gott wohl
etwas näher bin (lacht…).

Hugo Albisser
Der katholische Theologe wohnt mit seiner Familie in Herzogenbuchsee
und leitet seit mehr als einem Jahr in einem Teilzeitmandat die
Gefängnisseelsorge im Kanton Solothurn. Vorher war er während
zwölf Jahren als Klinikseelsorger in der Luzerner Psychiatrie tätig.
Erste Erfahrungen als Gefängnisseelsorger hat er in einer früheren
Anstellung im Kanton Zug gesammelt. Der aktive Bergsportler und
SAC-Tourenleiter kümmert sich im Jobsharing auch um Haushalt
und Familie und engagiert sich unter anderem ehrenamtlich als Präsident
im Verein Rudolf Steiner Schule Oberaargau.