Am Anfang fühlen sich die meisten unschuldig

14. Nov 2019

Die Theologin Franziska Bangerter Lindt arbeitete rund 20 Jahre als Gefängnisseelsorgerin. Bei den Häftlingen sei die Reue meist ein Prozess, sagt die Pfarrerin kurz vor ihrer Pensionierung.

9. NOVEMBER 2019 / Toni Schürmann, Kirchenbote

Zwanzig Jahre hinter Gittern mit Strafgefangenen: Verschleisst dies einen nicht? «Ich habe meine Arbeit immer gerne gemacht, langweilig ist es mir nie geworden», erklärt Pfarrerin Franziska Bangerter Lindt. Zu keinem Zeitpunkt habe sie es bereut, Gefängnisseelsorgerin zu sein. Im Laufe der Zeit sei ihr aufgegangen, wie zerbrechlich das Leben ist und dass sie selbst privilegiert aufwachsen durfte.

Die 64-jährige Theologin kam als Tochter eines Berners und einer Britin in Biel zur Welt und ist in Sigriswil im Berner Oberland aufgewachsen. Dort verbrachte sie eine behütete Kindheit. Nach dem Theologiestudium arbeitete sie als Gemeindepfarrerin in Biel und danach bei der Fachstelle Migration der Kirchen Bern-Jura-Solothurn.

Erst ab dem Jahr 2000, nachdem sie eine Ausbildung für Spital- und Gefängnisseelsorge absolviert hatte, kam die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder mit dem Gefängnisalltag in Berührung. «Es war die absolut richtige Entscheidung, ins Gefängnis zu gehen», ist Bangerter Lindt noch heute überzeugt.

«Die Gefangenen erleben mich in der Regel als positive Person», sagt Pfarrerin Franziska Bangerter Lindt. (Foto: Kenneth Nars)
«Die Gefangenen erleben mich in der Regel als positive Person», sagt Pfarrerin Franziska Bangerter Lindt. (Foto: Kenneth Nars)

Männlich und ausländisch

95 Prozent der Gefangenen sind männlich, 85 Prozent der Insassen sind ausländischer Herkunft. Als Seelsorgerin begleitete Franziska Bangerter Lindt die Häftlinge im Gespräch, hörte ihnen zu und schenkte ihnen Zeit und Aufmerksamkeit. «Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass es keine Gefangenen gab, die einen nervten», erklärt Bangerter Lindt. In den Gesprächen ging es darum, noch vorhandene Ressourcen herauszuarbeiten, die helfen, einen Sinn oder künftige Aufgaben im Leben der Insassen zu finden.

«Man muss die Tat vom Menschen trennen», sagt Bangerter Lindt. Dies erfordere viel Offenheit, speziell wenn man auf Menschen mit wenig Selbstreflexion oder völlig anderen Wertesystemen treffe. «Ich habe schon erlebt, dass ein muslimischer Mann nicht begreifen konnte, dass er hier in der Schweiz seine Frau nicht schlagen darf.»

Freundlich und eloquent

Als Gefängnisseelsorgerin hatte es Franziska Bangerter Lindt auch mit Menschen zu tun, die ihre Tat bagatellisieren, verdrängen oder gleichgültig hinnahmen. Manchmal passte das Verbrechen so nicht zum Menschen, der vor ihr sass. Man sehe jemandem die Tat nicht an. Sie sei Menschen begegnet, die so gar nicht der landläufigen Vorstellung eines brutalen Schlägers entsprachen, sondern höchst umgänglich waren und freundlich und eloquent auftraten, erzählt Bangerter Lindt.