Freiheit im Gefängnis? Frank Stüfen legt Doktorarbeit vor

04. Nov 2020

Freiheit im Gefängnis? Frank Stüfen legt Doktorarbeit vor

Seelsorge im Gefängnis - Welche seelsorgerliche und theologische Grundausrichtung kann Gefängnisseelsorge haben? Dieser Frage ging Frank Stüfen in seiner Doktorareit nach.

Frank Stüfen ist Gefängnisseelsorger in der JVA Pöschwies/Zürich und Studienleiter des CAS Seelsorge im Straf- und Massnahmenvollzug an der Universität Bern/AWS.
Von der Weltkonferenz der Gefängnisseelsorge wurde er als Repräsentant mit beratendem Status bei der UN in Genf, Wien
und New York berufen. In seiner eben veröffentlichten Doktorarbeit erklärt er, welche theologischen Prämissen er für die Gefängnisseelsorge sieht.

Sie sagen, dass der Themenkreis „Schuld, Strafe und Vergebung“ in der Gefängnisseelsorge an Bedeutung verloren habe. Was tritt
an deren Stelle?

An die Stelle dieses Themenkreises tritt das Thema (Un-)Freiheit und Befreiung. Schuld macht unfrei und deshalb ist es eine wichtige Frage in der Seelsorge, wie Befreiung von einer Schuld, die unfrei
macht, erreicht werden kann. Schuld ist dabei seelsorglich nicht als ein juristischer Normverstoss verstanden, sondern als beziehungsschädigendes Verhalten gegenüber dem Mitmenschen. Fast jedes Delikt hat einen Mitmenschen als Opfer. Beziehungen
heilt man nicht, indem man Menschen bestraft, sondern indem man sich auf einen Weg der Versöhnung begibt. Dabei darf man auch die Familie des Täters nicht vergessen, die durch dessen Straftat häufig schwer geschädigt wird. Mein Buch zeigt, wie es gelingen kann, Familienversöhnung in dieser prekären Situation auf den Weg zu bringen.

Gefängnisseelsorge soll nach Ihrem Buch „heiligungs- statt rechtfertigungsbezogen“ sein. Welchen Stellenwert hat darin das Thema Reue?

Ich beziehe mich in meinem Buch auf die beiden reformierten Theologen Johannes Calvin und Karl Barth. Calvins Heiligungsverständnis lässt sich am besten als ein Weg der Busse, Wiedergutmachung und Reue beschreiben. Dieser Weg ist als
„Kampfbahn“ bezeichnet, auf der Menschen bis zu ihrem letzten Tag laufen.
Gefängnisseelsorge begegnet Menschen, die Gott durch die Heilstat Christi gerecht gemacht hat. Diese Prämisse ist vom Ziel zum Ausgangsort der Seelsorge geworden. Das war eine wichtige Erkenntnis, die Karl Barth 1959 hatte. Seelsorge muss also nicht danach fragen, wie ein Mensch gerecht werden kann, sondern wie man einen vor Gott gerechtfertigten Menschen auf seinem Weg der Heiligung begleiten kann. Dieser Weg führt zu mehr Freiheit und zu grösserer Verantwortung.

Gefängnisseelsorge soll auch „befreiungsstatt straforientiert“ sein. Befreiung wovon und wozu?

Was Menschen unfrei macht, hat viele Gründe. Die Seelsorge begleitet Menschen dabei, bewusst die Brüche in der eigenen
Biografie wahrzunehmen, und ermutigt dazu, diese Biografie als fragmentarische Existenz anzunehmen und so immer wieder das Vergangene in die Gegenwart zu integrieren. Befreiung also von den Bindungen der Vergangenheit und zu einem ethisch verantwortungsvollen Handeln.

Welche Rolle spielt die persönliche Hinwendung und Beziehung zu Jesus Christus in der Botschaft in der von der Kirche beauftragten
Gefängnisseelsorge?

Verkündigung im Gefängnis muss davon sprechen: wie Christus den Menschen frei macht durch seine vergebende Liebe. Dass er aber auch von uns Entscheidungen fordert, die eine gelingende Beziehung zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst ermöglichen. Barth sagte, dass der Mensch in Freiheit dem, was Gott geboten habe, gehorsam sein müsse. •

(Interview: David Gysel)
Erschienen in ideaSpektrum 45.2020 .