Ich kann Menschen nicht retten, aber ich kann ihnen zuhören

09. Feb 2020

Ich kann Menschen nicht retten, aber ich kann ihnen zuhören

Wo auch die schweren Jungs gerne Putzen: Zu Besuch im Kantonalgefängnis Frauenfeld. Aus einer Reportage von Ida Sandl, erschienen im Tagblatt.

Gefängnis-Seelsorger: «Ich kann Menschen nicht retten, aber ich kann ihnen zuhören»

Der katholische Diakon Matthias Loretan (66) arbeitet einen Nachmittag pro Woche als Seelsorger im Kantonalgefängnis Frauenfeld. Er will den Gefangenen helfen, sich neu zu erfinden.

Auszug aus einer Reportage von Ida Sandl.
Original-Artikel im Tagblatt

 

Werden Menschen im Gefängnis religiös?

Matthias Loretan: In der Haft werden Menschen mit existenziellen Fragen auf drastische Art konfrontiert. Teile ihrer bisherigen Geschichten und Inszenierungen zerbrechen. Also gilt es, sich neu zu sammeln. In dieser verletzbaren Befindlichkeit kann der Glaube heilend wirken.

Wollen die Gefangenen mit Ihnen über religiöse Themen sprechen?

Zuerst einmal nicht. Das kommt erst später. Am Anfang der Gespräche stehen Empfindungen wie Scham vor dem Gesichtsverlust, Versuche, dem inneren Richter die eigene Unschuld zu beweisen, sich der Grossartigkeit der Taten zu rühmen oder um alltägliche Hafterleichterungen zu kämpfen.

Wie gehen Sie damit um?

Im Unterschied zur Untersuchungsbehörde muss ich Nichts aufdecken. Im Unterschied zum Richter muss ich nicht beurteilen, was dem Recht entspricht oder ethisch richtig wäre. Ich versuche, mit klugen Fragen die Untersuchungsgefangenen oder Straftäter so zu begleiten, dass sie für sich herausfinden, wer sie als Person nach einer schweren Tat sein können oder wollen. Im Geiste von Jesu unterscheide ich zwischen Täter und Tat. Ich kann Menschen nicht retten, aber ihnen zuhören.

Was ändert sich im Laufe der Haft?

In der Regel zerbricht mit der Haft ein vorher meist mühsam aufrechterhaltenes Selbstbild. Das seelsorgerische Gespräch bietet dem Häftling eine geschützte Bühne, auf der er neue Rollen ausprobieren kann.

Werden Ihnen auch Lügengeschichten aufgetischt?

Es ist nicht an mir als Seelsorger zu beurteilen, ob diese Geschichten wahr sind, sondern, ob sie das Gegenüber unterstützen, Scham zu überwinden, sich selbst zu achten und sich als würdige und wertvolle Person neu zu erfinden. Reue ist dabei eine hilfreiche Haltung, zum Beispiel um die verletzenden Folgen eines Gewaltdeliktes zu erkennen und Opfer soweit möglich um Vergebung zu bitten.

Mit welchen Sorgen kommen die Häftlinge zu Ihnen?

Meist geht es um Themen, die Gefangene aktuell besonders aufwühlen. Untersuchungshäftlinge zum Beispiel sind plötzlich aus ihrem Leben herausgerissen, dürfen je nach Verdunklungsgefahr nur noch stark eingeschränkten Kontakt zu Familie und Freunden haben und sind bis zu 23 Stunden am Tag allein. Sie wissen nicht, welche Strafe sie bekommen. In dieser Zeit geht es vor allem darum, ihnen Halt zu geben und ihre Ressourcen zu stärken.

Wo finden die Gespräche mit den Inhaftierten statt?

Während der eineinhalbstündigen Sozialzeit kann ich mich frei auf den Gängen und im Hof bewegen, wo sich auch die Gefangenen aufhalten. Ich kann dann mit ihnen Kontakt aufnehmen. Dabei kommt es auch zu Gesprächen mit Leuten, die sich nicht für ein Gespräch angemeldet haben.

Haben Sie keine Angst?

Nein, die Sozialzeit schafft eine gute Atmosphäre unter den Gefangenen. Der Umgang ist locker. Eine feindselige Haltung habe ich nie wahrgenommen.

Und die persönlichen Gespräche?

Die finden in den Zellen statt. Ein Betreuer bringt mich von Zelle zu Zelle und schliesst mich dort jeweils ein. Beim Betreten achte ich darauf, dass ich jetzt in den Privatbereich eines Menschen trete, in dem er Gastgeber ist. Bevor ich eintrete, frage ich, ob ich willkommen bin.

Kommt auch ein Imam ins Gefängnis?

Bisher gibt es nur Verträge mit den Landeskirchen. Weder ich noch mein evangelischer Kollege verstehen uns vereinnahmend konfessionalistisch. Es ist deshalb bisher zu keinen religiösen Abgrenzungsproblemen gekommen. Falls jemand explizit einen muslimischen Seelsorger wünscht, habe ich in Absprache mit der Gefängnisleitung Kontakte zu Imam Rehan Neziri geknüpft. (san)